Kenne Dein Publikum: Warum jede gute Präsentation mit einer Publikumsanalyse beginnt

1995 war ich mit dem Rucksack in Vietnam unterwegs. Das Land hatte seine Tore gerade für Individualreisende geöffnet. Für mich war vieles neu: die Umgebung, die Sprache und die Frage, ob ich mich in diesem fremden Land zurechtfinden würde.

Würde ich mit Englisch durchkommen?

Eines Tages sprach mich ein kleiner, schlanker Vietnamese an. Er war ungefähr 50 Jahre alt, trug ein weisses Hemd und eine blaue Hose – und sprach Deutsch.

Was für eine schöne Überraschung!

Im Gespräch stellte sich heraus, dass er viele Jahre in der ehemaligen DDR gelebt hatte. In diesem Moment fühlte ich mich sofort wohl und verstanden.

Eine Gemeinsamkeit schafft Nähe

Warum erzähle ich diese Geschichte?

Weil dieser Mann intuitiv etwas richtig gemacht hatte: Er hatte sich überlegt, wer ihm gegenübersteht. Anschliessend suchte er nach einer Gemeinsamkeit – und fand sie.

Diese Gemeinsamkeit hatte nichts mit Vietnam zu tun. Sie lag in unserer Sprache und in einer gemeinsamen Vergangenheit.

Das Ergebnis: Die Distanz zwischen uns war sofort kleiner.

Auch bei einer Präsentation geht es darum, eine Verbindung zum Publikum herzustellen. Du möchtest nicht einfach Informationen abladen. Du möchtest, dass Dein Publikum zuhört, versteht und idealerweise auch handelt.

Dafür musst Du zunächst wissen, mit wem Du es zu tun hast.

Was ist eine Publikumsanalyse?

Eine Publikumsanalyse ist die bewusste Auseinandersetzung mit den Menschen, vor denen Du präsentierst.

Dabei geht es nicht nur um die Anzahl der Zuhörer. Du solltest Dir unter anderem folgende Fragen stellen:

  • Welche Sprache spricht mein Publikum?
  • Wie gross ist das fachliche Vorwissen?
  • Welche praktische Erfahrung ist vorhanden?
  • Welche Begriffe sind vertraut – und welche muss ich erklären?
  • Welche Erwartungen hat das Publikum?
  • Welche Informationen braucht es wirklich?
  • Welche Einstellung hat es zu meinem Thema?
  • Ist mein Publikum freiwillig dabei oder wurde es zur Teilnahme verpflichtet?

Diese Fragen helfen Dir, Deine Präsentation besser auf Deine Zuhörer auszurichten.

Nicht jedes Publikum braucht dieselbe Präsentation

Stell Dir vor, Du präsentierst ein neues Projekt.

Vor der Geschäftsleitung interessieren wahrscheinlich andere Aspekte als vor Deinen Kollegen aus Forschung und Entwicklung. Die Geschäftsleitung möchte möglicherweise vor allem wissen:

  • Welchen Nutzen bringt das Projekt?
  • Welche Kosten entstehen?
  • Welche Risiken gibt es?
  • Welche Entscheidung wird erwartet?

Deine Kollegen aus F&E interessieren sich hingegen vielleicht stärker für technische Details, Methoden und die praktische Umsetzung.

Der Inhalt kann derselbe sein. Deine Präsentation sollte es nicht sein.

Auch eine Kundenpräsentation funktioniert anders. Kunden wollen in der Regel nicht möglichst viele Details über Dein Unternehmen hören. Sie möchten verstehen, welchen konkreten Nutzen Dein Angebot für sie hat.

Die richtige Sprache wählen

Die Publikumsanalyse beginnt bei der Sprache.

Präsentierst Du auf Deutsch, Schweizerdeutsch, Französisch oder Englisch? Und falls Du Deutsch sprichst: Ist Hochdeutsch oder Schweizerdeutsch die bessere Wahl?

Auch Fachbegriffe und Anglizismen gehören auf den Prüfstand. Für Fachleute können sie präzise und effizient sein. Für ein fachfremdes Publikum wirken sie dagegen schnell wie eine zusätzliche Hürde.

Die entscheidende Frage lautet:

Hilft dieser Begriff meinem Publikum beim Verstehen – oder zeigt er nur, dass ich ihn kenne?

Wenn Dein Publikum nicht über den notwendigen fachlichen Hintergrund verfügt, solltest Du Fachbegriffe erklären oder durch verständliche Formulierungen ersetzen.

Must-have oder Nice-to-know?

Als Fachexperte könntest Du wahrscheinlich tagelang über Dein Thema sprechen. Dein Publikum hat diese Zeit jedoch meistens nicht.

Deshalb lohnt es sich, zwischen zwei Kategorien zu unterscheiden:

  • Was muss mein Publikum unbedingt wissen?
  • Was wäre zwar interessant, ist aber nicht entscheidend?

Im Englischen wird diese Unterscheidung oft als «must have» und «nice to have» bezeichnet.

Diese Trennung zwingt Dich, Dich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Sie macht Deine Präsentation nicht ärmer, sondern klarer.

Ein überfüllter Vortrag ist nicht automatisch ein wertvoller Vortrag. Oft bleibt gerade dann am meisten hängen, wenn Du weniger Inhalte auswählst und diese verständlich vermittelst.

So bereitest Du Dich vor

Nimm Dir vor Deiner nächsten Präsentation ein paar Minuten Zeit und beantworte schriftlich diese Fragen:

  1. Wer sitzt im Publikum?
  2. Welche Funktion und Verantwortung haben die Zuhörer?
  3. Welches Vorwissen bringen sie mit?
  4. Welche Erwartungen haben sie an mich?
  5. Was interessiert sie besonders?
  6. Was könnte sie skeptisch machen?
  7. Welche drei Botschaften sollen am Ende hängen bleiben?
  8. Welche Beispiele passen zu ihrer beruflichen Realität?
  9. Welche Sprache und welchen Fachwortschatz wähle ich?
  10. Was sollen die Zuhörer nach der Präsentation tun?

Je konkreter Deine Antworten sind, desto gezielter kannst Du Deine Präsentation gestalten.

In meinem Buch «Die packende betriebsinterne Präsentation» findest Du eine ausführliche Checkliste für die Publikumsanalyse. Sie hilft Dir dabei, Deine Zuhörer systematisch einzuschätzen und Deine Präsentation professionell vorzubereiten. Eine entsprechende Checkliste ist auch online verfügbar.

Fazit

Eine gute Präsentation startet nicht bei PowerPoint. Sie startet beim Publikum.

Wenn Du weisst, wer Dir gegenübersitzt, kannst Du Deine Sprache, Deine Beispiele, Deine Argumente und Deine Inhalte besser auswählen. Du erreichst Dein Publikum leichter – und wirst besser verstanden.

So wie der Vietnamese in Vietnam eine Gemeinsamkeit mit mir gefunden hat, kannst auch Du eine Brücke zu Deinem Publikum bauen.

Analysiere Dein Publikum. Dann wird Deine Präsentation wirkungsvoller.

🎥 Zum Video: Tipp 31 – Publikumsanalyse

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